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Pizza und Kirsch-Bananen-Saft gegen den Corona-Lagerkoller

Unter diesem Titel erschien am letzten Wochenende im Panorama Teil der Westfälischen Nachrichten (WN) ein wunderbarer Artikel über die Situation in Corona Zeiten in unserer Außenwohngruppe Kivi. Zu finden ist der vollständige Artikel auf der Seite der WN

https://www.wn.de/Specials/Coronavirus/4191809-Corona-Alltag-in-einer-Wohngruppe-Pizza-und-Kirsch-Bananen-Saft-gegen-den-Lagerkoller

Alternativ haben wir den Text freundlicherweise zur Verfügung gestallt bekommen und ihr könnt ihn hier lesen: 

Pizza und Kirsch-Bananen-Saft gegen den Corona-Lagerkoller - Die Krise gemeinsam schultern von André Fischer

Eineinhalb bis zwei Meter Abstand sind hierzulande Pflicht in der Corona-Krise. Ab Montag gibt es in Nordrhein-Westfalen gar die Maskenpflicht. In der ausgelagerten Wohngruppe des Vinzenzwerks Handorf in Münster-Hiltrup gelten andere Regeln.

Münster, Der mystische Zauber der Abendsonne legt sich über die Stadt. April. Einst überraschte der vierte Monat des Jahres mit launischen Temperaturschwankungen. Schnee von gestern. Knallblauer Himmel, Klärchen lächelt, 22 Grad. Aus dem Garten der Doppelhaushälfte in Münster-Hiltrup dringen Kinderstimmen, laut, fröhlich. Dem Sommer so (unbeschwert) nah.

Der Schein trügt. Corona hat um den größten Stadtteil Münsters keinen Bogen gemacht. Die Mädchen und Jungen zwischen acht und 14 Jahren, die auf dem knapp 180 Quadratmeter großen Areal kicken, Trampolin springen oder Versteck spielen, sind in Zeiten der Ausgangssperren von der Außenwelt wie abgeschottet. Isoliert. Aber nicht allein. Hier in der ausgelagerten Wohngruppe des Vinzenzwerks Handorf, einem Sozial- und Heilpädagogischen Heim für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die unterschiedliche Biografien mitbringen, leben sie in familienähnlichen Verhältnissen. Ohne Abstandsregel. Ohne Schutzmaske. In der gemütlichen Wohnküche wird zusammen gegessen, getrunken, miteinander gefeiert. Nähe ist Trumpf – und in diesen Tagen ein Hochgefühl. Sie alle, Kinder, die sieben Mitarbeiterinnen, darunter Erzieherinnen, Sozialpädagogen, eine Heilpädagogin und eine Hauswirtschafterin, arrangieren sich in dieser Krise. Irgendwie. Emotionale Spannungen inklusive.

Die Pandemie, ja, sie fordert heraus. Täglich. Für gewöhnlich gehen die jungen Menschen hier morgens um kurz vor 7 Uhr aus dem Haus, besuchen Schulen und kehren ab dem frühen Mittag heim. Treffen Freunde, ziehen durch die City. Oder nehmen Therapiestunden wahr. Vorbei, seit das ­Virus auch in Deutschland grassiert, steht die Welt auf dem Kopf. „Man geht schon an seine Grenzen“, gesteht Melanie Rotthowe. Die 40-jährige Heilpädagogin und ihr Team sind inzwischen corona-erprobt. In der Einrichtung haben sie die Gruppenstrukturen verändert, den schweren Zeiten angepasst. Jeder Tag ist seit dem 13. März, der den Starschuss in die vorgezogenen Osterferien markiert, gut strukturiert. Die strengen Auflagen der Bundesregierung werden umgesetzt. „Anfangs war das für uns echtes Neuland. Wir mussten uns möglichst schnell der neuen Situation anpassen, Vorbild sein“, so Melanie Rott­howe.

Aller Anfang ist schwer. Zunächst braucht es eine Umstellung der Dienstpläne. Denn die Kinder und Jugendlichen des Hauses kommen nun in den Genuss einer 24-Stunden-Betreuung. „Wir müssen deutlich mehr Präsenz zeigen“, verdeutlicht Bernhard Paßlick, der Einrichtungsleiter. Und verweist auf das wirtschaftliche Risiko für das Werk, weil die zusätzliche Arbeit aktuell nicht refinanziert wird. All die fleißigen Hände reichen kaum aus, um den Berg an Beschäftigung zu bewältigen. Gefühlt liegt jeden Tag ein neuer Maßnahmen-Katalog im elektronischen Postfach, das überquillt. Allein die Sichtung des Materials nimmt wertvolle Zeit in Anspruch. Dazu halten die Erzieher Kontakt zu den Lehrkräften der Kinder, die in eine neue digitale Welt eintauchen, die es so in der Wohngruppe nicht gibt. „Um den pädagogischen Alltag ­nahezu familienanalog sicherzustellen, müssen auch Spendengelder generiert werden, damit den Kindern eine gute ­soziale Teilhabe ermöglicht wird. Die Bereitschaft und Solidarität von Münsteraner Bürgern insbesondere zu Ostern, Spiele und Inliner und andere Sachen zu spenden, war sehr hoch. Das hat uns gefreut“, berichtet Paßlick.
Orientierung ist in diesen Monaten alles. Und Übersicht. Melanie Rotthowe und Co. behalten sie. Wühlen sich durch, planen, unterrichten, auch per Handy-App, unter Einhaltung verschärfter Hygienebedingungen. Ein Kraftakt. Das Dankeschön lässt nicht lange auf sich warten. „Liebe Betreuer! Danke, dass ihr für uns arbeitet während der Coronakrise. Ihr seid die besten Betreuer. Schön, dass es euch gibt.“ Dem Schreiben liegt ein Paket mit Süßigkeiten bei. Melanie Rotthowe findet es eines Morgens vor der Haustür. Ist sichtlich gerührt. Das Leben kann so schön sein.

Motivation, weiterzumachen. Erst recht nach der durch Angela Merkel verkündeten Kontaktsperre.  Trotz der Befürchtung, einen Lagerkoller zu bekommen, erweist sich diese Zeit auch als Chance für die Gruppe. Die Kinder und Mitarbeiter wachsen zusammen und verbringen so viel Zeit wie sonst nie miteinander. Während der Schulzeit liegen immer zahlreiche Termine wie Sportvereine, Arzttermine, Förderangebote an. Diese Zeit wird mit vielen Ausflügen in die Natur verbracht, wo die Kinder insbesondere die Natur wieder neu schätzen lernen. Unter anderem werden Tippis gebaut, Bäume zum Klettern genutzt und im Bach geplanscht. Das  Verbot, das Gelände weder zu betreten noch zu verlassen, belastet indes schon. Die Kinder sehen ihre Eltern kaum. Da kullern schon mal Tränen. Ganz gleich, unter welchen Umständen manch einer hierhergekommen ist, Eltern bleiben eben Eltern. „Das Elternrecht ist ein hohes Gut, und die Kinder wollen ihre Eltern regelmäßig besuchen“, sagt Paßlick. Aber: „Die Gefahr, sich eine Infizierung ins Haus zu holen, ist groß.“ Die meisten Eltern haben Verständnis dafür, dass sich die Besuchs­regelungen verändert haben – so setzt man auf alternative Kommunikationsformen wie Facetime, Skype. Vernunft bleibt oberstes Gebot.

Die Pädagogen beobachten, dass die Kinder insgesamt entspannt sind und sich gut beschäftigen können. Natürlich werden die Sportvereine, Freunde und Friseure vermisst. „Ich will endlich wieder zum Abenteuersport“, „Man, die Stadt fehlt mir“, „Ich will hier raus“, „Wann kann ich mir endlich wieder die Haare schneiden lassen“, bahnt sich die Ungeduld manches Mal wortreich ihren Weg.  Oder entlädt sich in Konflikten, denen ein reflektierendes Gespräch folgt. „Die Gruppendynamik war immer in Bewegung. So gab es vereinzelt Konflikte, die in Begleitung durch die Pädagogen gelöst werden konnten“, verrät Melanie Rotthowe – und verweist auf eine abermals veränderte Tagesstruktur. „Wir mussten handeln, das Angebot erweitern.“ Weil die Kinder ihr Bekleidungsgeld nicht mehr beim Einkaufen an den Verkäufer bringen, wird nun virtuell geshoppt. Grill- und Filmabende werden zum Renner gegen den Lagerkoller. Morgens werden Schulaufgaben erledigt und abends kommt auch schon mal die Sport-App zum Einsatz. Und eine Party gibt es schon mal obendrauf – entgegen der allgemeinen Vorschriften. Mit Diskokugel, Pizza und Kirsch-Bananen-Saft. Corona verbindet auch. „Wir sind an der Zeit gewachsen, mit den Kids und für uns als Team“, findet Melanie Rott­howe.

Und doch steht außer Frage: Die Rückkehr zur Normalität ist das, was sie alle wollen.  Solange die Kontaktsperre gilt, müssen die Kinder und Jugendlichen nun mal mit Entbehrungen leben. „Das machen sie ganz gut, die Mädchen und Jungs sind äußerst diszipliniert, halten sich an die Vorgaben“, freut sich Paßlick. Wie lange sich das noch hinzieht, weiß niemand. Die Hoffnung, im nahenden Sommer wieder gelöst die Abendsonne im Garten des Hauses genießen zu können, treibt sie an. Freiheit ist und bleibt ein hohes Gut.