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Volles Haus - mit acht Kindern und ein paar Pädagogen unter einem Dach

Im Vinzenwerk Handorf begleiten wir ca. 138 Kinder auf Ihrem Weg, wenn ein Leben in Ihren Herkunftsfamilien zeitweise oder auf Dauer nicht möglich ist. Auch wenn die Situation für die Kinder eine starke Belastung bedeutet, wird die Wohngruppe in der sie dann leben für viele zu einer neuen Heimat.

Um Ihnen, liebe LeserInnen, einen Einblick in das Leben und den Alltag in einer solchen "Großfamilie" zu geben, hat sich eine unserer jungen Bewohnerinnen einmal die Mühe gemacht und ihren Weg und ihre Gefühle nachgezeichnet. Im Folgenden finden Sie ihren Bericht. Wir hoffen, dass dieser Text für ein besseres Verständnis für die Sorgen und Nöte, aber auch die Freuden der Kinder und Jugendlichen hier im Vinzenzwerk sorgen kann.

"Baumhaus, das ist der Name der Wohngruppe, in der ich inzwischen seit über fünf Jahren lebe. Sie ist eine von 16 unterschiedlichen Gruppen im Kinder- und Jugendheim Vinzenzwerk Handorf, das vielen Kindern mit unterschiedlichen Geschichten eine neue Heimat bietet.

Ich lebe also in einem Kinderheim. Viele Kinder und Jugendliche die mit mir hier leben, haben eine schwierige Vergangenheit, die sie hierher mitbringen.

An meine Ankunft hier im Vinzenzwerk kann ich mich noch genau erinnern. Es war der 13. Dezember 2013 und damals wurde ich in der Wichtelgruppe untergebracht. Dort, und in der Gruppe Findefuchs, leben Kinder und Jugendliche für eine begrenzte Zeit, bei denen die Zukunft unklar ist. In diesen Diagnosegruppen soll geklärt werden, ob man wieder nach Hause in die eigene Familie gehen kann oder ob vielleicht eine andere Lebensform besser für das Kind ist. 

Eigentlich soll die Zeit dort nur kurz sein, damit man schnell wieder einen Ort hat, an dem man angekommen ist. Bei mir hat die Zeit dort jedoch mehr als zwei Jahre gedauert, bis klar war, dass ich in einer Wohngruppe leben werde. Heute bin sehr froh über diese Entscheidung, denn seither wohne ich im Baumhaus.

Natürlich empfindet jedes Kind anders, wann man wirklich angekommen ist, je nachdem wie alt man beim Einzug ist und unter welchen Umständen man hier hingekommen ist. Für die meisten, so wie auch für mich, ist das Leben hier aber sehr schnell zu einem neuen Zuhause geworden.

Bei uns wohnen bis zu acht Kinder in einem Alter vom 6 – 18 Jahren. Wir sind eine sogenannte „inklusive“ Wohngruppe, was bedeutet, dass bei uns auch Kinder mit einer Behinderung leben können. Wir haben etwas größere Zimmer mit breiten Türen, einen Aufzug und Badezimmer und Duschen mit extra viel Platz.

Es ist schwierig zu erklären, wie es sich anfühlt, mit so vielen Kindern zusammen zu wohnen. Zudem, wenn man teils echt unterschiedlich ist. Manchmal ist es echt nicht leicht. Man streitet viel, wenn man die ganze Zeit aufeinander hockt, aber da wir alle so verschieden sind, haben die meisten unterschiedliche Interessen. Die einen lesen viel, die anderen spielen Fußball oder gehen reiten.

Privatsphäre ist da manchmal Mangelware. Jedes Kind hat zwar sein eigenes Zimmer, in dem es sich aufhalten kann und wo man mit Rücksicht und erst nach Anklopfen eintreten darf. Aber in den Gemeinschaftsräumen wie dem Wohnzimmer oder der Küche wird es schwierig seine Ruhe zu haben. Das kann wirklich nervig sein, besonders dann, wenn man sich beispielsweise nicht einigen kann, welcher Film geschaut werden soll. Aber das ist im Prinzip das Gleiche, wie bei Geschwistern.

Dennoch hat es aber auch Vorteile, denn man ist z.B. nie alleine, was vor allem zurzeit im Lockdown super ist. Zudem hat man viele Ansprechpartner und auch die Chance neue Leute kennenzulernen, wenn jemand Neues einzieht. Ich denke, wenn man sich auf ein Zusammenleben einlässt, dann kann es sehr gut funktionieren.

Das Wort Kinderheim benutzen viele im Negativen, und haben dabei typische Vorurteile über die Bewohner im Hinterkopf. Viele denken, dass wir anders sind, Probleme in der Schule haben oder ungepflegt herumlaufen. Aber ich bin so wie ich bin und nicht schlechter, nur weil ich in so einer Einrichtung lebe. Alles, was ich erlebt habe, und wie ich hier in der Gruppe lebe gehört zu mir und hat den Menschen aus mir gemacht, der ich heute bin. Dafür muss ich niemandem leidtun und niemand muss mich dafür bedauern. Mir geht es hier gut und meine Freunde wissen das auch.

Unsere Wohngruppe liegt in einem schönen Haus am Rand des Hauptgeländes in Handorf. Hier auf dem weitläufigen Gelände sind noch sieben weitere Wohngruppen untergebracht. Es gibt aber auch noch Außenwohngruppen, die weiter weg sind, z.B. die Kivi in Hiltrup. Ich finde es schön, dass hier so viele Gruppen nah beieinander sind. So kann man auch dort Freunde finden. Und unsere Gruppennamen sind für uns dann eine Art „Familienname“. Wir Baumhäusler sind hier, dann gibt es noch die Kinder von der Landebahn oder die Kleinen aus der Wichtelgruppe.

Für uns Kinder bieten sich hier viele Freizeitmöglichkeiten. Auf dem Gelände befinden sich mehrere Spielplätze, eine Turnhalle für schlechtes Wetter und auch eine neue Skatepark. Dieser wird auch von vielen externen Kindern genutzt wird. In normalen Zeiten ist unser gesamtes Gelände gut besucht.

Normalerweise endet die Betreuung in den Wohngruppen mit der Volljährigkeit. Doch es ist nicht unbedingt zwingend das Gelände zu verlassen, denn das Vinzenzwerk bietet auch betreutes Wohnen an. Hier werden die Jugendlichen bei den Schritten in die Selbstständigkeit von den Betreuern weiter begleitet und auf das Leben in einer eigenen Wohnung vorbereitet. Diese Option ist möglich ab 16 Jahren.

Ich hoffe, dass ich euch einen kleinen Einblick in unser Leben hier im Vinzenzwerk Handorf geben konnte. Vielleicht geht ihr in Zukunft mit einem anderen Blick auf Kinder zu, die hier leben."

Eure Jana